Flughafen Düsseldorf: Außen hui, hinter den Kulissen pfui

Özay Tarim

von Özay Tarim ver.di Gewerkschaftssekretär

Flughafen Düsseldorf: Außen hui, hinter den Kulissen pfui – Geht es hier noch um Luftsicherheit oder ist es ein Kostensenkungsprogramm?

Der Flughafen Düsseldorf präsentiert sich nach außen modern, leistungsfähig und gut organisiert. Für Fluggäste soll alles möglichst reibungslos funktionieren. Doch hinter den Kulissen berichten Beschäftigte von einer ganz anderen Realität: lange Wartezeiten für das Personal, Stress schon vor Dienstbeginn, verdichtete Arbeit und arbeitsrechtlicher Druck auf Menschen, die ihren Arbeitsplatz pünktlich erreichen wollen, aber durch die Abläufe am Flughafen ausgebremst werden.

Besonders deutlich wird das derzeit an der Personal- und Warenkontrolle (PWK). Dort müssen Beschäftigte, die im Sicherheitsbereich des Flughafens arbeiten, ebenso kontrolliert werden wie Fluggäste vor dem Abflug. Wer beispielsweise im Duty-Free-Shop oder im Bereich der Bodenverkehrsdienste arbeitet, in der Fluggastkontrolle eingesetzt ist oder anderweitig Zugang zum Sicherheitsbereich braucht, muss durch diese Kontrolle. Genau dort entstehen nach Hinweisen von Beschäftigten zu Stoßzeiten, insbesondere bei Dienstbeginn und Schichtwechsel, immer wieder lange Warteschlangen.

Wenn Beschäftigte vor der Arbeit schon im Stau stehen und gestresst werden!

Das Problem beginnt für viele Beschäftigte nicht erst an der Kontrollstelle. Schon die Parkplatzsituation am Flughafen Düsseldorf sorgt seit Jahren für Ärger. Wer im Schichtdienst arbeitet, oft zu Zeiten, in denen Bus und Bahn keine verlässliche Alternative sind, ist auf das Auto angewiesen. Doch eine Zufahrtsberechtigung zu einem Mitarbeiterparkplatz bedeutet noch lange keinen freien Stellplatz.

Beschäftigte berichten, dass es zu Stoßzeiten bereits vor den Schranken der Mitarbeiterparkplätze zu Wartezeiten kommen kann. Danach folgen Wege zum Terminal, Shuttlezeiten oder längere Fußwege. Und wenn die Kolleginnen und Kollegen dann endlich an der Personal- und Warenkontrolle ankommen, beginnt häufig die nächste Warteschlange.

Das ist kein kleiner organisatorischer Schönheitsfehler. Es ist eine Belastungskette: Parkplatzsuche, Weg zum Terminal, Warten vor der Kontrolle, Stress vor Dienstbeginn und am Ende der Druck, trotzdem pünktlich an der eigenen Kontrollposition zu stehen.

Aktuelle Fotos: Warteschlangen vor der PWK im Terminal

Personal- und Warenkontrolle unter Druck!

In der Personal- und Warenkontrolle (PWK) arbeiten Beschäftigte des Sicherheitsdienstleisters Klüh Security. Sie tragen Verantwortung für einen sensiblen Bereich der Luftsicherheit. Ihre Aufgabe ist es, Flughafenpersonal und mitgeführte Gegenstände ordnungsgemäß zu kontrollieren.

Nach Rückmeldungen aus der Belegschaft wurde die Arbeit in der PWK, die früher mit vier Beschäftigten pro Schicht erledigt wurde, seit der Corona-Zeit nur noch mit drei Kräften bewältigt. Gleichzeitig wurde ein zusätzliches ETD-Kontrollverfahren eingeführt. ETD steht für Sprengstoffspurendetektion. Gemeint sind sogenannte Wischtests, mit denen Kleidung, Hände, Ausweise oder mitgeführte Gegenstände auf Sprengstoffpartikel überprüft werden.

Diese Technik kann sinnvoll sein, wenn sie richtig organisiert und mit ausreichend Personal hinterlegt wird. Was aber nicht funktionieren kann: zusätzliche Kontrollaufgaben einführen und gleichzeitig Personal reduzieren. Genau das führt zu Arbeitsverdichtung, höherer Arbeitsbelastung bei den Beschäftigten von Klüh und zu längeren Wartezeiten für die Beschäftigten, die im Sicherheitsbereich arbeiten und auf diese Kontrollen angewiesen sind.

Die Personalreduzierung ist dabei offenbar kein Einzelfall an einer bestimmten Kontrollstelle. Beschäftigte berichten, dass Kontrollpositionen nicht nur im Flughafen-Terminal auf den Flugsteigen A, B und C mit weniger Personal besetzt werden, sondern auch an Außenpositionen, etwa am Tor 1 und am Tor 36. Auch dort wurden nach Angaben aus der Belegschaft Positionen gestrichen und Aufgaben deutlich reduziert.

Betroffen ist auch die Kfz-Kontrolle, bei der Fahrzeuge und Waren kontrolliert werden. Wo früher in jeder Schicht eine Person eingesetzt war, wurde ebenfalls reduziert. Damit gehen nicht nur Kapazitäten verloren. Es fallen auch wichtige Aufgaben weg, die für die Sicherheit eine Rolle spielen. Dazu gehört zum Beispiel die allgemeine Umfeldbeobachtung. Denn Luftsicherheit bedeutet nicht nur, einzelne Personen, Fahrzeuge oder Gegenstände zu kontrollieren. Es geht auch darum, das Umfeld aufmerksam im Blick zu behalten und mögliche Gefahren frühzeitig zu erkennen.

Wenn aber immer weniger Beschäftigte immer mehr leisten müssen, leidet die Qualität der Arbeit. Die Belastung steigt, die Abläufe werden langsamer, und am Ende stehen die Beschäftigten doppelt unter Druck: diejenigen, die kontrollieren müssen, und diejenigen, die kontrolliert werden müssen, um ihren Arbeitsplatz im Sicherheitsbereich überhaupt erreichen zu können.

Zusätzliche Belastung durch hohe Frequenz und Qualitätskontrollen

Besonders kritisch sehen wir und auch viele Kolleginnen und Kollegen, dass Sensibilisierungstests beziehungsweise sogenannte Realtests weiterhin während Zeiten mit hoher Auslastung durchgeführt werden. Dabei geht es nicht darum, Kontrollen oder Qualitätsprüfungen grundsätzlich in Frage zu stellen. Qualitätskontrollen gehören zum Arbeitsalltag dazu und sind wichtig.

Die entscheidende Frage ist jedoch, unter welchen Bedingungen diese Kontrollen stattfinden. Wenn gleichzeitig Strecken und Personal reduziert werden, sich die Personenströme also auf weniger Kontrollbereiche konzentrieren und Kolleginnen und Kollegen dauerhaft unter höherem Arbeitsdruck arbeiten, steigen Belastung und Arbeitsdichte spürbar an.

Wer Arbeitsabläufe verdichtet, Personal und Infrastruktur reduziert und gleichzeitig unverändert hohe Qualitätsanforderungen von den Beschäftigten erwartet, muss auch die Auswirkungen auf die praktische Umsetzung betrachten. Viele Kolleginnen und Kollegen schildern uns, dass gerade die Kombination aus hoher Frequenz, verdichteten Abläufen und zusätzlichen Kontrollen zu weiterem Druck führt.

Wenn Qualität dauerhaft gefordert wird und die Anforderungen in der Luftsicherheit hoch bleiben, müssen auch die Voraussetzungen dafür geschaffen werden. Gute Qualität entsteht nicht durch Druck, Personalmangel und immer engere Abläufe, sondern durch ausreichend Personal, verlässliche Strukturen und Arbeitsbedingungen, unter denen Beschäftigte ihre Aufgaben sorgfältig und konzentriert erfüllen können.

Wer Luftsicherheit ernst nimmt, darf sie nicht unter Kostendruck organisieren.

Crewmitglieder haben Vorrang, alle anderen warten

Hinzu kommt ein weiterer Punkt: Crewmitglieder von Fluggesellschaften haben bei der Personal- und Warenkontrolle Vorrang. Aus Sicht des Flugbetriebs ist das nachvollziehbar, weil Crews pünktlich zu ihren Maschinen müssen. In der Praxis bedeutet es aber: Wenn größere Crews ankommen, müssen andere Beschäftigte warten.

Das betrifft dann unter anderem Beschäftigte aus der Fluggastkontrolle, aus dem Bereich der Bodenverkehrsdienste, aus Shops, aus Dienstleistungsbereichen oder anderen sicherheitsrelevanten Arbeitsbereichen. Sie stehen bereits in der Schlange, sind rechtzeitig vor Ort und werden trotzdem weiter nach hinten geschoben. Die Folge: Sie kommen verspätet an ihrem eigentlichen Arbeitsplatz an, obwohl sie selbst  keinen Einfluss auf die Verzögerung haben.

Die Falschen zahlen den Preis

Besonders problematisch wird es, wenn diese Verspätungen anschließend den Beschäftigten angelastet werden. Beschäftigte der Fluggastkontrolle, die bei der Firma DSW (Deutscher Schutz- und Wachdienst) arbeiten, berichten, dass Verspätungen dokumentiert werden sollen. Bei weniger als fünf Minuten soll offenbar ein Punkt auf der Anwesenheitsliste gesetzt werden. Bei mehr als fünf Minuten soll die Verspätung minutengenau erfasst werden.

Das führt dazu, dass Beschäftigten die “verspätete Arbeitszeit” vom Lohn abgezogen wird. Wiederholt sich die Situation, drohen sogar Abmahnungen.

Das ist aus unserer Sicht nicht akzeptabel. Wer rechtzeitig am Flughafen ist, sich ordnungsgemäß zur Personal- und Warenkontrolle begibt und dann wegen Warteschlangen oder Vorrangregelungen nicht rechtzeitig an der Kontrollstrecke erscheint, begeht keine Pflichtverletzung. Die Ursache liegt nicht beim einzelnen Beschäftigten. Die Ursache liegt in der Organisation des Flughafenbetriebs.

Es kann nicht sein, dass der Flughafenbetreiber durch Personalreduzierung und unzureichende Abläufe Wartezeiten verursacht und am Ende die Beschäftigten die Folgen tragen.

Luftsicherheit braucht gute Bedingungen

Bei all dem geht es nicht um Bequemlichkeit. Es geht um Luftsicherheit. Die Beschäftigten, die an Flughäfen kontrollieren, absichern und für geordnete Abläufe sorgen, müssen konzentriert arbeiten können. Wer schon vor Dienstbeginn durch Parkplatzsuche, lange Wege, Warteschlangen und Zeitdruck belastet wird, startet nicht unter guten Bedingungen in eine sicherheitsrelevante Tätigkeit.

Das gilt auch für die Klüh-Beschäftigten in der Personal- und Warenkontrolle (PWK) selbst. Sie sollen sorgfältig kontrollieren, ruhig bleiben, aufmerksam sein und gleichzeitig große Mengen an Personen zu Stoßzeiten bewältigen. Das geht nicht dauerhaft mit zu wenig Personal.

Sicherheit darf nicht auf Kante genäht werden.

Unsere Forderung: Schluss mit dem Kostensenkungsprogramm

Gemeinsam mit unseren Betriebsratsmitgliedern von der DSW und Klüh Security fordern wir den Flughafenbetreiber auf, die Zustände an der Personal- und Warenkontrolle endlich ernst zu nehmen und die Personalbemessung wieder an die tatsächlichen Anforderungen anzupassen.

Vor Corona wurden die Aufgaben nach den Berichten der Beschäftigten mit vier Kräften pro Schicht erledigt. Heute sollen drei Beschäftigte diese Arbeit bewältigen, obwohl mit der ETD-Technik zusätzliche Kontrollschritte hinzugekommen sind.  

Die ETD-Technik arbeitet nach einem Zufallsprinzip und darf nicht als Begründung dafür dienen, Personal dauerhaft zu reduzieren. Technische Verfahren können Kontrollen unterstützen, ersetzen aber keine ausreichende Personalbemessung und keine sorgfältige Organisation der Personal- und Warenkontrolle.

Unsere Forderung ist klar: Zurück zu mindestens vier Kräften pro Schicht und zusätzlich eine feste Position für die ETD-Kontrolle. Damit könnten zwei Kontrolllinien mit jeweils zwei Beschäftigten betrieben werden, ergänzt durch eine Person für die verpflichtende ETD-Technik. Das würde die Beschäftigten in der Personal- und Warenkontrolle entlasten, die Abläufe beschleunigen und die Wartezeiten für das Flughafenpersonal deutlich reduzieren.

Gute Luftsicherheit braucht ausreichend Personal. Alles andere ist Sparpolitik auf dem Rücken der Beschäftigten.

Arbeitszeit muss dort beginnen, wo Beschäftigte tatsächlich gebunden sind

Ein weiterer wichtiger Punkt betrifft die Arbeitszeiterfassung. Im Manteltarifvertrag für Sicherheitsbeschäftigte an Flughäfen ist geregelt, dass die Arbeitszeit grundsätzlich an dem Ort beginnt, an dem die geschuldete Arbeitsleistung zu erbringen ist. Für Beschäftigte der Fluggastkontrolle ist das in der Regel die Kontrollposition im Sicherheitsbereich.

Der Tarifvertrag sieht aber auch vor, dass durch Betriebsvereinbarung sogenannte Meldestellen vereinbart werden können, an denen die Arbeitszeit beginnt, wenn nach Betreten des Flughafengeländes bis zum Erreichen des eigentlichen Arbeitsplatzes im Sicherheitsbereich mehr als 15 Minuten Wege- und Wartezeit entstehen.

Genau diese Situation erleben Beschäftigte am Flughafen Düsseldorf: Parkplatzsuche, Wege zum Terminal, Wartezeiten vor der Personal- und Warenkontrolle und anschließend der Weg zur Kontrollstelle. Wenn Beschäftigte auf diese Abläufe keinen Einfluss haben, dürfen diese Zeiten nicht einseitig zu ihrem Risiko gemacht werden.

Deshalb ist es richtig und wichtig, dass der örtliche Betriebsrat bei DSW an einer Betriebsvereinbarung arbeitet, um Beschäftigte der Fluggastkontrolle vor ungerechtfertigten Lohnabzügen, Abmahnungen und dem Vorwurf des Zuspätkommens zu schützen. Eine Meldestelle vor der Personal- und Warenkontrolle (PWK) wäre ein sachgerechter Schritt.

Wer bereits am Flughafen ist, sich anstellt und auf die notwendige Kontrolle wartet, steht faktisch nicht mehr frei über seine Zeit zur Verfügung. Diese Realität muss auch arbeitszeitrechtlich abgebildet werden.

Verantwortung liegt beim Flughafenbetreiber

Der Flughafenbetreiber trägt Verantwortung für die Organisation der Mitarbeiterparkplätze und für die Rahmenbedingungen der Personal- und Warenkontrolle. Wer diese Abläufe so organisiert, dass Beschäftigte regelmäßig unter Zeitdruck geraten, muss die Probleme lösen und darf sie nicht auf die Belegschaften der Dienstleister abwälzen.

Gleichzeitig erwarten wir von der Firma DSW, dass sie die tatsächlichen Bedingungen am Flughafen berücksichtigen. Es reicht nicht, starr auf die Uhrzeit an der Kontrollstrecke zu schauen, wenn vorher lange Wartezeiten an einer verpflichtenden Kontrollstelle entstehen. Beschäftigte dürfen nicht für Verzögerungen bestraft werden, die sie nicht verursacht haben.

Hinter den Kulissen muss sich etwas ändern

Der Flughafen Düsseldorf darf nicht nur nach außen gut aussehen. Entscheidend ist, wie mit den Menschen umgegangen wird, die den Betrieb jeden Tag am Laufen halten. Ohne Sicherheitsbeschäftigte, ohne Personal- und Warenkontrolle, ohne Beschäftigte in den vielen Dienstleistungsbereichen funktioniert kein Flughafen.

Wer von Sicherheit spricht, muss auch für sichere und gute Arbeitsbedingungen sorgen.

ver.di fordert deshalb:

Der Flughafenbetreiber muss die Personal- und Warenkontrolle personell so ausstatten, dass Kontrollen sorgfältig und ohne unnötige Wartezeiten durchgeführt werden können. Die Reduzierung von vier auf drei Kräfte pro Schicht muss beendet werden. Für die ETD-Technik braucht es zusätzliches Personal. Die Parkplatzsituation für Beschäftigte muss verbessert werden. Und Beschäftigte, die wegen Wartezeiten an verpflichtenden Kontrollstellen verspätet an ihrem Arbeitsplatz erscheinen, dürfen keine Lohnkürzungen oder Abmahnungen erhalten.

Der Flughafen und die Bundespolizei werben damit, dass Fluggäste möglichst schnell, teilweise in unter zehn Minuten, durch die Sicherheitskontrollen kommen sollen. Dann muss derselbe Anspruch auch für die Beschäftigten gelten, die auf die Personal- und Warenkontrolle angewiesen sind, um überhaupt zu ihrem Arbeitsplatz im Sicherheitsbereich zu gelangen. Es darf nicht sein, dass für Fluggäste schnelle Abläufe organisiert werden, während Beschäftigte in langen Warteschlangen stehen und anschließend noch dafür verantwortlich gemacht werden, wenn sie verspätet an ihrer Arbeitsstelle erscheinen.

Diese Ungerechtigkeit muss beendet werden. Wer unter zehn Minuten für Fluggäste als Maßstab setzt, muss auch dafür sorgen, dass Beschäftigte die Personal- und Warenkontrolle ohne unzumutbare Wartezeiten passieren können. Das geht nur mit ausreichend Personal, einer vernünftigen Organisation und dem Ende von Kostensenkungsmaßnahmen auf dem Rücken der Beschäftigten.

Außen hui und hinter den Kulissen pfui darf nicht der Maßstab für den Flughafen Düsseldorf sein. Wer Luftsicherheit ernst nimmt, muss die Beschäftigten ernst nehmen.